RASTSTÄTTE

Intervention im öffentlichen Raum, gefördert durch das Kulturamt Dresden 2003

RASTSTÄTTE_Zeichnung Pferde von oben

Ein Pferdepaar weidete in der Dresdener Innenstadt. Dieser„Weideplatz“ entstand durch ich durch TIEFENGARTEN (2001/2) auf der ehemaligen  Brachfläche vor dem Gewandhaus. Das lebendige Bild der Pferde war der Versuch, Rast und Bewegung der Tiere zum Lärm in der Stadt ins Verhältnis zu setzen. Die Pferde bewegten sich vor der Kulisse von Parkplatz, Hotel, Straßenbahnhaltestelle und einer sechsspurigen Hauptverkehrsstraße.

Der Begriff RASTSTÄTTE bezeichnet im ursprünglichen Wortsinn einen Ort des Rastens, des Verweiles, des Einhalts auf einer Wegstrecke. Man kommt aus einer Bewegung zur Ruhe. Als das Wort entstand, reiste man zu Fuß oder zu Pferde. Langsam und leise gehörten zusammen. Der Ort, den man heute damit verbindet, hat wenig mit dieser Ruhe zu tun, im Gegenteil, die Raststätte liegt am ständigen Rauschen der Autobahn. Auch wenn man selbst anhält, hört man immernoch, oder erst dann, den Verkehrsstrom der Anderen.

Zwischen diesen beiden Orten, dem der Wortentstehung und dem im heutigen Sprachgebrauch liegt eine Zeitspanne, in der sich unsere Wahrnehmung verändert hat. Als Ergebnis dieses Zivilisationsprozesses hat sich eine Hierarchie der Sinne herausgebildet, in der das Auge dem Ohr deutlich überlegen ist.

Es geht um das Verhältnis von Hören und Sehen.

Die Pferde stehen stellvertretend für den Menschen als Paar auf begrenztem Raum. Das Verhalten in diesem Raum hat mit dem aufeinander Hören zu tun. Insofern ist der Hörsinn der soziale Sinn. Verlust an Hörvermögen bedeutet also auch Verlust an Raumorientierung und sozialer Kompetenz.

Der Hörsinn ist beim Pferd am stärksten ausgeprägt. Die Reaktionen der Tiere auf den Geräuschpegel der Umgebung habe ich durch zwei Videos, aus nächster Nähe und aus der Vogelperspektive, vom Rathausturm, aufgezeichnet.

Abb.1 RASTSTÄTTE

Stehen Pferde in freier Landschaft, stellen sie sich so, dass sie aufeinander bezogen bleiben und doch jedes Tier seinen Raum um sich hat. Es entsteht ein idealer Zustand der Ausgeglichenheit von Nähe und Distanz.

Abb.2 RASTSTÄTTE

Ich zeige die Tiere ohne den Menschen, aber in der menschlichen, das heißt städtischen Welt, ich zeige sie ohne Funktion in einem funktionalen Gefüge.

Die Pferde stehen stellvertretend für den Menschen als Paar auf begrenztem Raum. Das Verhalten in diesem Raum hat mit dem aufeinander Hören zu tun. Insofern ist der Hörsinn der soziale Sinn. Verlust an Hörvermögen bedeutet also auch Verlust an Raumorientierung und sozialer Kompetenz.

Durch die Zunahme der Lautmenge in der modernen Sphäre ist das Ohr, da wir es nicht verschließen können, in Gefahr und leidet am Dröhnen der Mobilität.

Wenn ich die Pferde auf der Rasenfläche im TIEFENGARTEN weiden lasse, nehme ich Bezug auf die historischen Linien. Sie stehen hinter dem Tulpenfeld, das die Stadtmauer markiert, sie stehen wieder dort, wo sie vor fünfhundert Jahren standen, auf der Weide, vor der Stadt.