LA CAMERA DEGLI OSPITI

Eine Raumerzählung

Castello Colonna di Olevano Romano, Italien, 24. September 2015

Achronie ist nicht das gleichgültige Nebeneinander, sondern eher ein Ineinander der Epochen nach dem Modell eines Stativs, eine Flucht sich verjüngender Strukturen. Man kann sie auseinanderziehen wie eine Ziehharmonika, dann ist es sehr weit von einem Ende zum anderen, man kann sie aber auch ineinander stülpen wie die russischen Puppen, dann sind die Wände der Zeiten einander ganz nah.” (Elisabeth Lenk)

Scan 1

Ellen Kobe, “LA CAMERA DEGLI OSPITI”, 2015, Collage, Aquarell, Bleistift, 21,0 x 29,7cm

Ein jahrhunderte altes Castello in der römischen Campagna, voller Bilder, Antiken, Fresken, verstaubter Möbel und Dingen, die lange niemand berührt hat. Welchen Wert hat ein Bild, wenn es nicht betrachtet wird? Was geschieht, wenn plötzlich die schweren Metalläden geöffnet werden und das Fenster einen Blick freigibt, wie ihn vor fast zweihundert Jahren Camille Corot malte? Es genügt, die digital transferierten Daten eines Fotos aus dem Pariser Louvre auszudrucken und an die gekalkte Wand neben dem Fenster zu kleben, um die Hügelkette in der hitzeflimmernden Luft mit dem Finger nachzuzeichnen. Hier war es. Es war. In der Kurve vor der Villa Serpentara, Pasolini drehte genau hier, Olevano, Richtung Subiaco, die vorletzte Einstellung für seinen ersten Film. Accatone sollte am Ende nicht sterben, man sollte meinen, er wird erlöst, in diesem rauen Paradies. Aber keine Versöhnung, das Thema bleibt, der sterbende junge Mann, in allen Filmen, bis zum letzten, nachdem er selber stirbt, am 2. November 1975. 1945 fiel sein Bruder, ein Partisan, von anderen Partisanen erschossen, also nicht die Deutschen waren es, mein Großvater war so ein Deutscher, er konnte es nicht gewesen sein, denn, ich weiss es jetzt, ich habe das Kriegstagebuch, das er später mit Briefmarkenklebekanten beklebte, um „Kriegserlebnisse“ mit zittriger Hand darauf zu schreiben, er hatte Heimaturlaub und als er zurückkam nach Italien, gab es seine Truppe nicht mehr. Der Zufall der Regelmäßigkeit der Beurlaubung vom Krieg, der Zufall als Voraussetzung meiner Existenz, zwei Generationen später. Die Seiten, als Beweis, habe ich gescannt, das Tagebuch selbst soll eingeschweisst werden und nur so gezeigt, so will es der Leihgeber, mein Vater. Meinen Hochzeitsschleier drapiere ich am Fenster, so dass er dem weissen Vorhang gleicht, vom Morgenluftzug nach links geweht, gegen sieben Uhr, in Neapel lies sich Karl Friedrich Schinkel von seinem Freund Franz Ludwig Catel malen, damit er seiner Frau ein Weihnachtsgeschenk senden konnte, von seiner zweiten Italienreise, heute wäre diese Art der Selbstinszenierung leichter herzustellen, der lesende Forschungsreisende, auch er war hier, in Olevano und hat das berühmte Motiv der goldenen Sterne auf blauem Grund an der Decke des nahegelegenen Klosters gefunden, es gibt keine Kirche von ihm im „preussischen Arkadien“, das nicht mit diesem Sternenhimmel bemalt wäre, ich leihe mir den Rest des Seidenstoffes aus dem Neuen Pavillion in Charlottenburg mit diesem Motiv aus dem Textilarchiv der Stiftung Preussische Schlösser und Gärten, das Übergabeprotokoll jeweils doppelt signiert. Ich lege die Seide seitenverkehrt auf das Bett des Zimmers, das einmal das Gästezimmer des Castellos werden soll, wenn die Besitzer sich einigen sollten, was zu geschehen hat, die Marcuccis nach den Colonnas, den Borgheses… Sie sind einverstanden, dass ich in ihren Räumen eine Installation einrichte. Ich nenne sie: LA CAMERA DEGLI OSPITI und lade Gäste ein: KünstlerInnen aus Deutschland, Frankreich, Italien und der Schweiz. Einige kommen und arbeiten vor Ort, antworten mit ihrer Arbeit auf die Räume, die Kunstschätze, als Fortschreibung oder zeitgenössische Fermate. Andere senden ein Video, eine Zeichnung, ein Textfragment. Eine Künstlerin schreibt während einer dreitägigen Performance, was Charlotte von Stein an Goethe geschrieben haben könnte. Wir wissen es nicht, die Briefe hat sie von ihm zurückgefordert und verbrannt, weil er ihr nicht antwortete von seiner Italienreise. Fazit: „Die schönen Geister trocknen einem das Leben aus“. Die Artefakte der Performance in Abwesenheit, im Paket an die Villa Massimo geschickt und vom Gärtner nach Olevano gebracht, sind stellvertretend Gast im Gästezimmer. An der Wand gegenüber hängt ein echter De Pisis, so wie Pasolini es sich gewünscht hatte, als er von seinem „Verlangen nach Reichtum“ schrieb. Das Gedicht schreibe ich mit Kreide an die Metalltafeln vor den Fenstern. Und auch den Wunsch nach einem weissen Hemd und gutem Schuhwerk erfülle ich ihm, jemand aus dem Bergdorf leiht sie mir…und am Ende erzähle ich, wie alles zusammenhängt.